Wir brauchen keine Klassensprecher...
11.07.2009 23:05
Es geht darum, dass Sascha Lobo als Leitfigur der Web-2.0-Szene Werbung für Vodafone macht und dass es schon während der Live-Pressekonferenz Spott und Häme von Power-WebZweiNullern gab. Ja natürlich gab es die: Weil sie nicht selbst dabei waren. Diese ganze Missgunst gegen die Teilnehmer dieser Werbekampagne sind meiner Meinung nach sehr lächerlich.
Es stand den Leuten ja sogar frei, im Werbespot aufzutauchen. Dafür hätten sie nur, wie angekündigt, nach Berlin fahren müssen, um in der Menschenmenge gefilmt zu werden.
Natürlich kann auch nicht jeder als eine Art Leitfigur auftauchen, wie Sascha es tut, aber so ist das nunmal. Und es wird den Leuten in Zukunft viel mehr Zeug vor die Füße geworfen, worüber sie sich aufregen können. Es wird andere Werbespots geben, die über SocialMedia funktionieren sollen. Und sie werden wieder auseinandergepflückt werden. Dann wird es jemand Anderen treffen und wieder wird es angeblich beim eigentlichen Zielpublikum nicht punkten können.
Zitat aus dem Artikel: »Dass gerade Vodafone bei vielen Bloggern einen schlechten Ruf genießt, weil dem Unternehmen nachgesagt wird, beim Errichten der umstrittenen Internetsperren besonders kooperativ gewesen zu sein, zeugt zwar nicht unbedingt von der Konsequenz Lobos, der sich als Online-Berater der SPD noch deutlich gegen die Stoppschilder im Netz ausgesprochen hatte.« Hier werden wieder Äpfel mit Birnen verglichen. Was zum Henker hat denn die politische Ausrichtung einer Person mit einer Werbekampagne des Unternehmens zu tun? In diesem Fall war Sascha als bekannter Blogger dort und nicht, um irgendwas zum Thema "Sperren gegen Kinderpornographie" zu sagen. Und diejenigen, die bei Vodafone was zum Thema Zensur zu sagen hätten, haben mit Sicherheit rein gar nichts mit der Werbung zu tun.
»Aber es geht um mehr: Mit schwach verklausulierten Prostitutionsvorwürfen werden Lobo Geldgier und Käuflichkeit vorgeworfen, die schlimmste Befürchtung aber lautet: "Blogger sind im Mainstream angekommen, der Ausverkauf der Blogosphäre hat begonnen."« Der "Ausverkauf der Blogosphäre" ist nichts Neues mehr. Das wurde schon gebrüllt, als Robert Basic seinen Blog versteigert hat und ist eigentlich die schwachsinnigste Aussage von Leuten, die einfach keine Ahnung haben. Blogs funktionieren eben nicht wie "Macht's einer - machen's alle", sondern eher wie "Es kommt das, was ihr draus macht". Der Longtail lebt doch davon, dass jeder anders ist und jeder seine freie Meinung sagen darf. Wenn man damit nun mal bekannt wird, macht man eben das, was man tun muss. Wieviele Blogger mussten schon, weil ihr Blog sehr gut besucht war, größere Server anmieten und um das zu bezahlen, Werbung schalten? Ist das etwa kein Ausverkauf? Prostituiert man sich damit etwa nicht? Und wenn man dann ins Fernsehen eingeladen wird, weil man zu einem Thema mal was gesagt hat, wass gut ankam und dadurch Berühmtheit erlangt, ist das dann auch schon Ausverkauf? Oder erst wenn man aus seinem Hobby ein Beruf macht? Wirklich ein zweischneidiges Schwert, sich über so etwas aufzuregen.
Am allerbilligsten finde ich aber, die Aufregung über seine Frisur zu bestärken. Hä? Das ist doch echt das Billigste was man tun kann.
Ich versuche immer mir vorzustellen, wie das ist, wenn ich da an seiner Stelle säße. Würden sich die Leute über meine Plauze aufregen? Würden sie sich aufregen, dass ich eigentlich Entwickler bin und damit gar nicht zum Web-2.0 gehören kann, weil wir ja sowieso nur eingepfercht in Kellern sitzen und die Realität gar nicht kennen? Ich bitte euch: Sowas hat man in der Grundschule gemacht.
Hat eigentlich mal jemand von den Möchtegern-Experten versucht, die Gedanken hinter der Kampagne zu sehen? Ich bin seit Weihnachten 1998 Kunde bei Vodafone (damals noch Mannesmann D2) und eigentlich nur dort geblieben, weil mir T-Mobile einfach nicht gefällt und E-Plus das schlechtere Netz hat. Und O2 kann ich einfach nicht so richtig gut zuordnen. Aber das lag nicht an der Werbung, sondern an meiner Trägheit. Bisher hat mich die Werbung nicht wirklich angesprochen.
Sie hatten bisher keine klaren Ziele genannt, wer eigentlich ihre Kunden sein sollen. Durch die neue Werbung und den Slogan weiß ich wenigstens, dass jetzt die "Generation Upload" genannte Zielgruppe gemeint ist. Also Leute, die immer und überall versuchen, online zu sein, um sich mitzuteilen. Die Wahl, wie sie das mitteilen, also die Werbung, ist wie immer reine Geschmacksache. In meinen Augen ist das ein Fortschritt zu früher. Dass die Tarife für manche Uploads noch nicht da sind, wird sich wohl je nach Benutzung und Kundenwünschen ändern. Aber ich denke, da brauchen wir alle nur die nötige Geduld.
Sie sprechen uns schon mal direkt an, sie hören und schon mal zu, jetzt lasst also Vodafone die Zeit, auf unsere Wünsche einzugehen.
Und um nochmal auf die Überschrift einzugehen: "Lieber Herr Staun von der FAZ: Sascha Lobo ist nicht der Klassensprecher des Web 2.0. Jeder im Web ist sein eigener Sprecher, sonst wäre es nicht das Web 2.0 aka Mitmachweb. Vielleicht sollten Sie erstmal selbst teilnehmen, bevor Sie Ihre Stimme angeblich an einen Klassensprecher abgeben. Danke!".
Kommentare:
am 12.07.2009 um 01:37 Uhr
Als ich den ersten Tweet über "Generation Upload" las und danach das Video mit Sascha sah war mir schon klar, was da jetzt kommt.
Denn mich hat es im ersten Moment auch verwundert, aber für wen und wofür Sascha Werbung macht ist doch ganz allein seine Sache. Er ist einfach eine markante Persönlichkeit und das nicht nur bei der Generation Web 2.0. Sogar meine Oma kennt diese schrille Frisur aus dem Fernsehen. Aber davon alleine kann auch kein Sascha Lobo leben. Er hat ja nicht seine Seele verkauft, sondern nur sein Aussehen.
Und egal für wen er Werbung gemacht hätte, irgendjemand hätte immer ein Argument dagegen gefunden.
Dein Artikel stellt die Situation schon ganz gut dar, mehr muss ich dem eigentlich nicht hinzufügen...
am 12.07.2009 um 11:35 Uhr
<blockquote>Was zum Henker hat denn die politische Ausrichtung einer Person mit einer Werbekampagne des Unternehmens zu tun? In diesem Fall war Sascha als bekannter Blogger dort und nicht, um irgendwas zum Thema "Sperren gegen Kinderpornographie" zu sagen. Und diejenigen, die bei Vodafone was zum Thema Zensur zu sagen hätten, haben mit Sicherheit rein gar nichts mit der Werbung zu tun.</blockquote>
Einspruch. Gerade dieses Thema ist in der vermeindlichen Zielgruppe, die auch mit dem "Testimonial" Lobo bedient werden soll, so präsent und wichtig, dass dieser Widerspruch zwischen der politischen Haltung, die im Falle Lobos durch die Mitwirkung im Onlinebeirat und dem Ausstieg aus der Kommunikation mit der SPD eben mehr ist, als nur seine private Haltung, und der Werbung für einen der "Zensurprovider" hätte bedacht werden müssen.
am 12.07.2009 um 12:26 Uhr
@Webrocker: Oh Mann, ihr klammert euch aber auch an genau _ein_ Thema, oder? Ich bin auch gegen eine Zensurinfrastruktur, aber wenn ich dagegen etwas tun will, werd ich es mit Sicherheit nicht tun, indem ich Provider dafür zur Verantwortung ziehe. Da muss man an anderer Stelle nachhaken.
am 12.07.2009 um 13:15 Uhr
@mthie:
"...wenn ich dagegen etwas tun will, werd ich es mit Sicherheit nicht tun, indem ich Provider dafür zur Verantwortung ziehe. Da muss man an anderer Stelle nachhaken...." -> Ja, am besten gleich an mehreren. Nämlich bei den Politikverantwortlichen (von der Leyen), bei der Presse (nicht auszudenken die drohende Bildschlagzeile "Vodafone untersützt Kinderpronographie!") UND auch bei den Unternehmen selbst. Meinen Sermon zu unternehmerischem Handeln und politischer Relevanz habe ich ja in meinem letzten Kommentar schon abgelassen.
am 12.07.2009 um 18:44 Uhr
Ich weiss nicht, ob dir der Sinn eines "Testemonials" bewusst ist. Wenn Unternehmen bekannte Personen als Werbefiguren engagieren, kaufen sie auch ein Stück des Vertrauen, das derjenige in der Öffentlichkeit oder in Teilen der Gesellschaft besitzt. Sonst könnte man ja auch Max Müller aus Köln-Porz mit seinem Iro hinstellen. Das funktioniert nur, wenn Unternehmen und Werbefigur bezüglich der Message kongruent handeln. Hier ist das schief gegangen. Lobo steht für freies Internet, Vodafone für eilfertige Zensur und kastriertes Netz (vodafone live!). Nach Schuld braucht man nicht zu fragen, denn am Ende zählt nur, dass beide beschädigt sind. Das kommt meines Erachtens davon, dass S&F bzw. Lumma, der den Sherpa für S&F in die Szene gegeben hat, als Werber keine Ahnung von PR und Kommunikationsstrategie haben.
am 12.07.2009 um 19:21 Uhr
@Tim: Ich weiss nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber Sascha Lobo ist nicht wirklich bekannt. Ich koennte jetzt meine Großeltern, meine Eltern und meine Offline-Freunde fragen, wer Sascha Lobo ist, und keiner von denen könnte mir eine Antwort darauf geben. Selbst bei Betrachtung eines Fotos. Und ja, die Leute schauen auch Fernsehen.
Vielen Leuten ist immer noch nicht aufgefallen, dass das Web nicht nur aus Twitter und Blogs besteht. Nein, für viele Nutzer sind eBay und E-Mail schon ein Wunderwerk der Technik. Für solche Leute gibt es einen Sascha Lobo nicht.
Wir, die wir den ganzen Tag auf SocialNetworks verbringen, wir kennen ihn, weil wir kaum um ihn herumkommen. Und deswegen kann Vodafone auch kein Vertrauen von ihm nutzen, da er bei der breiten Masse keins hat. Genauso wenig wie Frau Schnutinger und der Rest der Leute, die im Spot zu sehen sind.
Zum Thema S&F bzw. Nico Lumma: Schön, dass du behauptest, dass sie keine Ahnung haben. Könntest du diese Aussage bitte mal näher erklären bzw. beweisen? Vielleicht dadurch, dass du uns zeigst, was du für eine Ahnung hast und welche von dir erzeugten PR- und Kommunikationsstrategien von Erfolg gekröhnt sind/waren. Danke!
am 12.07.2009 um 19:49 Uhr
Ich finde es auch sehr schade, das Vodafone (im Web) nun allein den Kopf für die zensursula Debatte hinhalten soll. Einmal, die anderen Netzbetreiber sind ja nun genauso beteiligt. Klar, dann wird wieder gesagt: "Ja aber Telekom und D2 waren die Ersten die das wollten" ... aus was für Gründen auch immer, es ist nun eine Regel die für alle Netzbetreiber gilt und wohl auch von allen umgesetzt wird. Da haben doch viele im Moment Scheuklappen auf. Wenn die Telekom ihre neue Kampagne vorstellt, empört man sich dann nicht wegen Zensursula nur weil die Telekom dann keinen Dialog mit Bloggern sucht? Sagt man dann, ach wenn wir denen egal sind, mosern wir bei denen nicht über ihre Kampagne? Hey, Telekom super alles richtig gemacht! Danke das ihr uns total ignoriert! ;)
am 14.07.2009 um 15:44 Uhr
Nur ganz kurz. Wenn man richtig liest, stand da:
"... als Klassensprecher einer diffus gegen Kommerz und Mainstream gerichteten "Web 2.0"-Bewegung eignete sich auch schon vor dem Vodafone-Deal kaum jemand schlechter als Lobo"
Und damit erkläre ich Lobo zum Klassensprecher? Muss ich das verstehen?
am 14.07.2009 um 15:49 Uhr
@Harald Staun: Moment, hieß die Überschrift nicht eindeutig "Als das Internet seinen Klassensprecher an den Kommerz verlor"? Diese Überschrift macht Sascha anscheinend zum Klassensprecher, oder?